Entflammt bin ich durch Gottes Liebe – Leseprobe


„Entflammt bin ich durch Gottes Liebe.
Wie mystische Erlebnisse mein Leben veränderten“
von Ilona Anderegg

Wie alles begann

Bei meiner Arbeitsstelle wurde ich zum Mobbingopfer, mein Lebensgefährte trennte sich von mir, mir wurde die Wohnung gekündigt, mein Konto war im Minus: Ich war an einem Tiefpunkt angelangt, an dem ich mir überlegte, ob mein Leben überhaupt noch einen Sinn hat und ob ich überhaupt noch leben möchte.

Nach einiger Zeit des Darübernachdenkens, des Abwägens, einer Zeit mit vielen Fragen und der Suche nach Antworten darauf, wagte ich einen Neuanfang an einem neuen Wohnort. Aber auch hier lief nicht alles nach Plan. Es kam wieder eine schwere Zeit auf mich zu. Irgendwann kam ein Tag, an dem ich mich fragte, wie es weitergehen soll. Sollte ich darauf hoffen, einen Mann zu finden, mit dem ich dann eine Familie gründen könnte oder sollte ich mich darauf konzentrieren, eine Heilpraktikerpraxis zu eröffnen? Doch wie, ohne Ersparnisse? Da ich auf meine Fragen keine Antworten fand, ging ich zu einer Wahrsagerin, die mir zwar interessante Dinge erzählte, mir aber keine eindeutigen Antworten auf meine Fragen gab. Nun wusste ich immer noch nicht, wie es weitergehen sollte. Und so arbeitete ich weiter unglücklich in meinem Bürojob, und alles ging seinen normalen Lauf. Bis zu dem Tag, als ich an der Ladentür eines nepalesischen Freundes ein Plakat sah mit der Ankündigung eines Vortrages. Er sollte der Beginn einer totalen Veränderung meines Lebens werden.

2001

Der Vortrag

Es ist ein gewöhnlicher Donnerstagabend. Wie immer donnerstags fahre ich nach der Arbeit in die Stadt, um einen nepalesischen Freund in seinem kleinen Laden zu besuchen. An diesem Abend bemerke ich ein Plakat an der Tür seines Geschäftes, welches auf einen Vortrag des buddhistischen Gelehrten Ringu Tulku Rinpoche hinweist, der am 03.08.2001 stattfinden soll, ein Vortrag, dessen Teilnahme vieles in meinem Leben verändern wird.

Als der Tag gekommen ist, gehe ich in den Vortragsraum, der noch recht leer ist. Es stehen viele Stühle in einem kahlen, kalten und nichts ausstrahlenden Raum einer Schule. Ich setze mich mitten hinein in den Saal und nach und nach füllt sich der Raum. Dann geht die Tür auf. Herein kommt ein Mann, der eine Ausstrahlung hat, wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe. Es folgen ihm zwei Lamas (tibetische Priester) und eine Dolmetscherin. Schon in diesem Moment bin ich total ergriffen, ein unbeschreibliches Gefühl macht sich in mir breit. Ein Gefühl zwischen Ergriffenheit und Glückseligkeit. Gebannt lausche ich dem Vortrag und kann kaum noch den Blick von Ringu Tulku abwenden, höchstens um einen Blick auf die beiden Lamas zu werfen.

Obwohl ich mitten in der Menge sitze, habe ich den Eindruck, seine Blicke sind gezielt auf mich gerichtet. Ich sehe das Funkeln in seinen Augen und das Gefühl, das mich ergriffen hat, breitet sich weiter aus. Dann ist der Vortrag vorbei und bevor ich es richtig registriert habe, sind Ringu Tulku Rinpoche und die beiden Lamas verschwunden. Ich fühle mich unendlich traurig und leer und habe nur noch einen Wunsch, mit Ringu Tulku oder einem der Lamas persönlich reden zu dürfen. Diesen Wunsch teile ich dem nepalesischen Freund mit, der ebenfalls zu diesem Vortrag gekommen ist und er versucht, seinen Freund Sönam, einen der beiden Lamas, noch zu erwischen, aber es ist zu spät, sie haben das Gebäude bereits verlassen. Auch wir verlassen das Gebäude.

Auf dem Schulhof treffen wir einen gemeinsamen Bekannten, der auch aus Nepal stammt. Ich erzähle ihm, dass ich traurig bin, da ich so gern mit einem der drei buddhistischen Personen gesprochen oder ihnen einfach mal die Hand geschüttelt hätte. Dies hört ein Mann, der gerade in der Nähe steht und er erzählt uns, das Ringu Tulku Rinpoche mit Gefolge in einem asiatischen Restaurant ganz in der Nähe ist und wir ihn dort treffen können. Nach kurzem Zögern gehen wir zu Dritt zum erwähnten Restaurant. Und dann nimmt alles seinen Lauf.

Beim Restaurant angekommen öffne ich mit sehr gemischten Gefühlen die Eingangstür. Wir gehen hinein und dann sehe ich ihn. An einem langen Tisch sitzen zwischen 20 und 30 Personen und am Tischende Ringu Tulku Rinpoche und zu seiner Linken und Rechten jeweils ein Lama. Einer meiner Begleiter geht direkt auf Ringu Tulku zu und zieht mich mit. Mir wird sehr seltsam ums Herz. Die beiden unterhalten sich sehr angeregt und Ringu Tulku schaut mich dabei immer wieder mit seinen braunen, gefühlvollen Augen an. Dann fragt mich der Bekannte, ob ich am nächsten Tag schon etwas vor hätte. Ich verneine und da erfahre ich, dass der Bekannte gerade ein persönliches Treffen für mich mit Ringu Tulku Rinpoche vereinbart hat. Als dieser meinen überraschten Blick sieht, fängt er heftig an zu lachen und drückt mir kräftig meine Hand.

Wir setzen uns an einen Tisch. Als unsere Bestellung kommt, kann ich kaum etwas essen, denn meine Blicke schweifen immer wieder in Richtung der beiden Lamas und Ringu Tulku. Ihre Augen strahlen Wärme und Glückseligkeit aus und lächeln mir zu.

Erstes Meditieren und Visionen

02.10.2001

Ich fühle mich so, als ob in mir am Donnerstag, 27.09.2001, ein Knoten geplatzt ist. Ich empfinde ein sehr tolles Gefühl in mir, aber ich bin auch total verwirrt und muss ständig weinen. Auslöser dafür ist die CD mit Buddhistischen Chants, die ich mir gekauft habe. Um diese zu hören, habe ich mich auf den Boden gesetzt und die Augen geschlossen. Während ich so sitze und die Musik läuft, habe ich Visionen von Mönchen und Tempeln in Asien. Alles, was ich dabei sehe, ist so real wie im täglichen Leben.

Mystik – was ist das?

21.10.2001

Heute hat mir Jürgen, ein Philosoph, mit dem ich seit einiger Zeit per Internet Kontakt habe, gesagt, dass ich mystische Erlebnisse habe. Er hat mir empfohlen, mich über Mystik zu informieren und nannte mir Namen von Mystikern. Aber was ist Mystik und was sind Mystiker? Ich kann mir nichts darunter vorstellen.

Mystik, ist das nicht irgendetwas „Unheimliches, Merkwürdiges“? Den Namen Hildegard von Bingen, den er mir unter anderem genannt hat, habe ich auch schon gehört, allerdings im Zusammenhang mit Heilkräutern. Aber was hat sie mit Mystik zu tun? Und warum schreibt mir Jürgen, dass ich mich in Hildegard eventuell selbst entdecken würde, weil wir uns teilweise sehr ähnlich seien?

Ich kann außer mit Jürgen mit niemandem darüber reden, was mit mir passiert, was ich fühle und erlebe. Diejenigen, denen ich versucht habe, mich mitzuteilen, belächeln mich nur mitleidig. Warum bin ich so anders, warum versteht mich kaum jemand?

22.10.2001

Ich war in der Stadtbücherei und habe mir drei Bücher über Hildegard von Bingen ausgeliehen. Das, was ich über sie finde, ist, dass sie Nonne und Mystikerin war und von 1098 bis 1179 lebte, Visionen hatte und auf göttlichen Befehl hin ihre Visionen aufschrieb. Sie schrieb christliche Texte, über Naturheilkunde und komponierte geistliche Gesänge. Ich bin enttäuscht, denn in diesen Büchern wird mehr über christliche Dinge und die Kirche gesprochen als über Sonstiges. Damit kann ich, obwohl ich katholisch bin, nicht viel anfangen, denn das Christentum gibt mir keine Antworten auf die Fragen, die ich habe. Mir hat es der Buddhismus sehr angetan. Mein erstes buddhistisches Buch, das ich vor zirka anderthalb bis zwei Jahren gelesen habe, hat mir sehr viel gegeben. Im Buddhismus finde ich viele Dinge, die mir im täglichen Leben gut tun. Ich glaube zwar, dass es „irgendetwas“ Höheres, Größeres gibt, aber ich kann und möchte diesem „Etwas“ keinen Namen geben. Und, um an etwas zu glauben, brauche ich nicht unbedingt in die Kirche zu gehen, so wie es von Christen verlangt wird. Ich kenne mich zwar noch nicht so gut mit dem Buddhismus aus, aber er tut mir sehr gut. Nun fände ich es toll, ein Buch zu finden über eine Person, die sozusagen ein „asiatisches Gegenstück“ zu Hildegard von Bingen ist, vielleicht über jemanden, der Mystik, Medizin und Buddhismus vereint. Es würde mich echt glücklich machen, etwas zu finden, in dem ich mich wiederfinden kann.

Etwas gemeinsam habe ich ja schon mit Hildegard: Mein Bedürfnis, ins Kloster zu gehen und andere Menschen zu heilen und somit glücklich zu machen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich platze, weil das Bedürfnis so groß ist. Dieser Wunsch ist riesig groß.

05.12.2001

Ich fühle mich so allein mit den vielen Dingen, die mir geschehen. Daher ist es wohl der einzig richtige Weg, alles aufzuschreiben, was mich bewegt. Vielleicht kann man später erkennen, was mit mir los ist.

Momentan sitze ich in der Bibliothek und stoße immer wieder auf christliche Mystik. Gab es Mystiker nur in christlichen Klöstern? Was sagt der Buddhismus zu meinen Visionen und Empfindungen?

Ich suche weiter und entdecke allgemeine Bücher über Mystik. Und siehe da, Mystik gibt es in allen Religionen. Ich nehme einen riesigen Berg von Büchern mit nach Hause. Am liebsten würde ich mich nur noch dem Lesen widmen. Ich sauge die Informationen regelrecht aus den Büchern heraus. Je mehr ich lese, desto mehr fühle ich mich verstanden. Ich finde mich in den Worten wieder. Einige Dinge könnten fast aus meiner Feder stammen. Toll, nun weiß ich endlich, was mit mir los ist. Jürgen hatte Recht. Die Erkenntnis hilft mir zwar einerseits weiter, andererseits wird mein Leben dadurch nicht einfacher. Das Bedürfnis, darüber reden zu können, beziehungsweise darüber reden zu müssen, wird immer stärker. Jürgen ist bisher der Einzige, dem ich mich wirklich offenbare, da er so einfühlsam und verständnisvoll mit den Informationen aus meinem tiefsten Inneren umgeht. Er hilft mir auch bei den öfters aufsteigenden Unsicherheiten wegen meines Geisteszustandes und meiner Überlegung, ob ich vielleicht am Rande des Wahnsinns bin oder sogar schon einen halben Schritt weiter. Jürgen beruhigt mich und erzählt mir immer wieder von Mystikern, die ihre Erlebnisse wohl ähnlich schildern wie ich.

Kraftvolle Liebe

12.12.2001

Das Gefühl der Liebe, welches ich in mir spüre, ist so stark, dass ich es nicht beschreiben kann. Es ist nicht mit Worten zu definieren. Es ist nicht gleich zu setzen mit der „großen Liebe“ zwischen zwei Partnern.

Die Räumlichkeit dieses Gefühls ist nicht auf die Grenzen meiner körperlichen Hülle beschränkt. Sie ist viel grösser. Dieses Gefühl kennt keine Grenzen. Es umhüllt meine physische Hülle im Bereich des Körperstammes. Diese Liebe ist so stark, dass ich Angst habe zu zerbersten. Aber da es sich ja glücklicherweise nicht an die räumlichen Grenzen meines Körpers hält, kann mir ja nichts passieren.

Ich wünsche mir, dass sich dieses Gefühl wie eine Welle über die Straßen ergießt und jedes Haus erreicht. Durch Stadt und Land und über die Grenzen hinaus und über die ganze Welt soll es fließen. Es sollen alle Menschen benetzt sein durch dieses Gefühl der Liebe.

Wendepunkt

Vision am 12.12.2001 (Dauer 40 Minuten)

Ich sehe schneebedeckte Gipfel. Mein Gefühl signalisiert mir, es ist das Himalaya-Gebirge. Ich schwebe empor über die Gipfel, immer höher und höher. Dann schwebe ich irgendwo im Raum (kein Zimmer).

Auf einmal sehe ich eine Buddha-Statue. Sie ist golden und um sie herum ist es hell, wie ein helles Licht oder wie der Atem, den man sieht, wenn es sehr kalt ist.

Ich werde durchflutet von extremen Gefühlen, nicht mit Worten erklärbar. Aber sehr intensiv und auch mit Angst verbunden. Die Gefühle sind so extrem stark, dass mir davon übel wird.

Ich sehe kurzes Aufflackern von Bildern von Dämonen, wie ich sie auf buddhistischen oder hinduistischen Bildern gesehen habe.

Die Gefühle sind fast nicht auszuhalten. Dann ist es vorbei. Nun sehe ich verschiedene helle Lichter und befinde mich in der Leere. Alles um mich herum ist dunkelblau und es ist nichts zu sehen. Eine sehr tiefe Ruhe überkommt mich.

Mein Körper ist nicht mehr als solcher zu spüren. Nur noch ein Kältegefühl in dem Bereich, wo sich normalerweise die Füße und Hände befinden, durchflutet mich.

Dann spüre ich, wie ich nach oben schwebe. So, als ob ich aus dem Kopf heraus schwebe. Ich befinde mich nun über dem Körper, den ich allerdings nicht als den meinen erkennen kann. Ich schwebe weiterhin über diesem Körper, über diesem Kopf. Dann gleite ich wieder zurück in den Körper und kurz darauf wieder aus dem Kopf heraus. Dann reißt mich etwas empor. Ich schwebe mit einem Riesentempo nach oben. Alles um mich herum glitzert wie kleine Schneekristalle. In den verschiedensten Farben funkelt es. Dann sehe ich Jesus vor mir. Er steht ganz dicht vor mir und sieht mich an. Und sofort danach sehe ich ihn am Kreuz. Ich schwebe ungebremst davon. Weiter nach oben bis ich an eine Art Kuppeldach stoße. Jetzt geht es nicht mehr weiter. Durch mein linkes Auge spüre ich Dunkelheit, durch mein rechtes ein warmes, sanftes Licht. Ich kann mich leider nicht umdrehen und auch nicht meine Augen öffnen.

12.12.2001

Ich bin einfach zu sensibel für diese Welt. Am liebsten würde ich mich verkriechen und total zurückziehen. Aber ob das wirklich das Richtige für mich ist, weiß ich nicht. Das heutige Erlebnis hat mich zum Glück nicht aus der Bahn geworfen, trotz der sehr schmerzhaften Gefühle, die mich dabei überkamen. Nun ist allerdings eine Dimension erreicht, über die ich mit niemandem mehr reden kann außer mit Jürgen.

Vielleicht ist es doch besser, mich zurückzuziehen, um niemanden mit meinen Gefühlen und Visionen zu belästigen. Ich fühle mich total verunsichert, traurig und allein gelassen. Anders zu sein als die Masse, ist nicht leicht.

 …

 Hildegard-Kloster und Jesus

Beim Kloster angekommen lese ich, dass die Klosterpforte erst um 14.30 Uhr öffnet. Nun ist es gerade um die 14.00 Uhr. Wo kann ich mich in dieser Kälte aufhalten? Da sehe ich den Eingang zur Kirche. Ich gehe an einer Statue von Hildegard vorbei und empfinde ein starkes Gefühl des Verständnisses für diese tolle Frau. Ich steige die Treppe empor, öffne die Tür zur Kirche und trete ein und was ich dann sehe, raubt mir den Atem: Jesus. Die ganze Kuppel ist ausgefüllt mit einem riesigen Gemälde von Jesus. Er schaut mich regelrecht an und durch die Geste der geöffneten Arme habe ich das Gefühl, er ruft mich, zu ihm zu kommen. Ich gehe nach vorne und komme dabei an wunderschönen Wandmalereien in ausdruckskräftigen Farben vorbei. Dann sehe ich das Bildnis von Hildegard. Nun ist es um mich geschehen. Jesus und Hildegard. Ich bin ergriffen von immensen Gefühlen und mir laufen die Tränen. Ich weiß nicht, wie mir geschieht. Ich kann den Blick vom Bildnis Jesu nicht mehr abwenden und merke, wie mich eine Schwäche überkommt. Ich lasse mich in der ersten Bank nieder. Dieser Ort hat eine ganz besondere Atmosphäre und ich schmelze dahin, durchdrungen von Gefühlen der Trauer und Überwältigung. Ich würde so gerne meine Augen schließen, um die Atmosphäre intensiver auf mich wirken zu lassen, aber ich bin leider nicht allein in der Kirche und daher traue ich es mich nicht. Ich sitze und sitze und kann mich überhaupt nicht mehr erheben, so ergriffen hat mich diese Situation. Dann überkommt mich eine enorme Kälte, denn die Kirche ist nicht beheizt. Ich sehe auf die Uhr und merke, es ist bereits 14.40 Uhr. Langsam erhebe ich mich und gehe Richtung Ausgang, nicht ohne einen weiteren Blick auf Jesus geworfen zu haben. Oh, ist das schön. Ich gehe zur Pforte und drücke die Klingel. Ich höre Schritte eine Treppe hinunterkommen und mir wird geöffnet. Ich bitte um ein Gespräch, aber man sagt mir, dass es ohne Termin nicht möglich ist, aufgrund der vielen Arbeit im Kloster. Ich bin sehr enttäuscht und erkläre, dass ich den Weg hierher gemacht habe, um dringend mit jemandem über Mystik zu sprechen und wie enorm wichtig es mir ist. Ich werde eingelassen und man fragt nach, ob jemand Zeit für mich hat. Ich habe Glück und werde in ein Zimmer geführt und dann kommt eine Nonne herein und bittet mich, Platz zu nehmen.

Eingebung

15.12.2001

Es ist Samstagmorgen, immer noch zermartere ich mir meinen Kopf, ob ich mich nun mehr dem Buddhismus oder dem Christentum zuwenden soll. Aber ich finde keine Lösung. Das schlägt mir auf den Magen. Also beschließe ich, diesen Gedanken erst einmal nicht weiter zu verfolgen. Ich fahre in die Stadt mit dem Ziel, ein bisschen bummeln zu gehen, um auf andere Gedanken zu kommen. Während ich vom Parkplatz in die Innenstadt laufe, erhalte ich plötzlich eine Eingebung. Eine Stimme sagt mir: „Höre auf, verwirrt zu sein. Freue dich über diese positive Gabe und nutze Sie, um anderen Menschen damit zu helfen.“ Ich bin total verwirrt. War es Einbildung? Gibt es wirklich Eingebungen von „oben“? Wieder beschäftigen mich Fragen um nicht zu erklärende Dinge. Bin ich vielleicht doch verrückt? Am Rande des Wahnsinns? Ich gehe weiter und fühle, wie mich diese Eingebung zur inneren Ruhe führt. Die Verwirrung weicht der Erkenntnis. Ja, ich möchte anderen Menschen helfen und werde es ab sofort als Chance sehen, Visionen zu haben und Gott nahe sein zu dürfen.

 …

Gespräch mit einem Pater

07.01.2002

Hier sitze ich nun mit einer riesigen Portion Angst vor dem Gespräch mit dem Pater. Dazu kommt noch, dass es draussen sehr glatt ist. Es hat schon einige Unfälle gegeben und es wird mit Blitz-Eis gerechnet. Nicht die beste Voraussetzung für eine Fahrt in die Eifel.

Hoffentlich verläuft das Gespräch gut und der Pater hat tiefes Verständnis und geht sensibel auf mich ein. Auch ist da die Angst, für verrückt erklärt zu werden. Ich habe ihm ja noch gar nichts darüber erzählt, was mir passiert. Sollte das Gespräch negativ verlaufen, wird es mir wohl nur noch schlecht gehen, denn ich weiss bisher immer noch nicht, wie ich mit diesen ex­tremen Eindrücken und Gefühlen im Alltag umgehen soll. Daher setzte ich alle Hoffnung auf dieses Gespräch.

Das Gespräch mit dem Benediktiner Pater ist vorüber. Es verlief gut, obwohl ich mir für den Anfang erst ein paar allgemeine Einstiegsfragen gewünscht hätte. Er begrüßte mich mit meinem Namen und der Frage “Sie meinen also eine mystische Antenne zu haben?“ Er wollte wohl direkt etwas hören. Ich sagte ihm, dass ich mich freue, mit ihm reden zu dürfen, ich aber auch Angst hätte und erklärte, warum es so ist. Da es mir immer noch sehr schwer fällt, über meine Erlebnisse zu sprechen, habe ich ihm meine Aufzeichnungen zum Lesen gegeben. Erst die Vision vom Tod, dann die, in der ich zum ersten Mal Jesus begegnet bin, danach die mit der Selbstauflösung. Dann wurde ich erst einmal unsicher, ob ich ihm auch die Erlebnisse mit der Kreuzigung und die mit dem Felsengrab geben soll. Ich habe mich dann überwunden und ihm auch diese Aufzeichnungen gezeigt. Er war überhaupt nicht geschockt. Er hat sich mit mir ganz normal darüber unterhalten. Er hat mir dann aus der Bibel vorgelesen, immer wieder auch über mystische Begebenheiten. Das hat mir sehr gut getan. Während des Gesprächs sind mir ein paar Tränen gelaufen, aber richtig geweint habe ich zum Glück nicht. Aber ich war doch emotional sehr aufgewirbelt. Der Pater hat mir dann bestätigt, dass meine Visionen mystischer Art sind. Er ist damit die dritte Person, die meine Erlebnisse als mystische Erlebnisse bezeichnet.

Im Augenblick fühle ich mich sehr erleichtert, ich hoffe es hält länger an. Der Pater ist auch weiterhin für mich da, falls ich noch einmal darüber oder über weitere Visionen reden möchte. Das ist gut zu wissen, aber ich weiß nicht, ob ich noch einmal dort hin gehe, da der Mönch an der Klosterpforte nicht den nötigen Abstand zu mir wahrte und mir das sehr unangenehm war.

Gedanken an ein Leben im Kloster

09.02.2002

Ich bin immer noch durcheinander, da mich die Frage, ob ich in ein Kloster eintreten soll, weiterhin beschäftigt. Ich finde den Gedanken, ganz für Gott da sein zu können, ungemein toll und er löst sehr starke positive Gefühle in mir aus. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich für ein solches Leben geeignet bin. Ich habe mit ein paar Freunden darüber gesprochen und keiner kann es sich wirklich bei mir vorstellen. Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll. Ich überlege, ob ich mal ein Wochenende in einem Kloster mit leben soll. So etwas bietet auch das Kloster der Hildegard von Bingen an. Meine Praxispläne sind aber auch noch da und nun gibt es Räume, die eventuell in Frage kämen. Ich muss wohl eine Entscheidung treffen.

Heute ging mir durch den Kopf, dass ich ja die Botschaft erhielt, dass ich die mystischen Erlebnisse als eine positive Gabe annehmen und anderen Menschen damit helfen soll. Kann ich anderen Menschen damit helfen, wenn ich im Kloster lebe? Ist das vielleicht die Antwort auf meine Frage, welchen Weg ich gehen soll?

Was für Möglichkeiten außerhalb des Klosters gibt es sonst für mich? Was kann ich tun? Seelsorge ist ja immer noch etwas, was in Frage kommen könnte, aber was gibt es sonst noch? Pfarrerin kann ich wohl nicht werden oder geht das bei den Altkatholiken? Aber ohne Abitur funktioniert das nicht und von welchem Geld sollte ich studieren? Es muss doch irgendeinen Weg für mich geben, etwas in diese Richtung tun zu können.

 …

Erster Brief an Jesus

10.05.2002

Lieber Jesus, ich danke dir, dass du mich gefunden hast, obwohl ich dich nicht suchte. Es ist das größte Geschenk, das mir je zuteil wurde. Seit der ersten Begegnung mit dir bin ich durchflutet von tiefster Liebe. Diese Liebe ist so groß und stark, dass ich hin- und hergerissen bin zwischen dem Wunsch, dir nachzufolgen, es dir gleich zu tun und dem Gedanken, zu dir aufzusteigen, um dir nahe zu sein und an der Seite unseres Vaters Platz zu nehmen. Mein Glaube ist sehr tief. Es war wie von null auf tausend, nein auf hunderttausend oder gar um vieles mehr. Es ist immer noch unbeschreiblich.

Geliebter Jesus, ich fühle mich dir so nahe, so durchzogen von dir, ein Teil von dir, verschmolzen mit dir, und manchmal bin ich dir sogar noch näher, denn dann fühle und denke ich wie du. Mein Herz brennt voller Liebe zu dir und sollte es mal einen Partner in meinem Leben geben, so müsste er sich mein Herz teilen, teilen mit dir.

Wo bist du?

01.12.2002

Lieber Gott, wo bist du? Schon so lange sehne ich mich nach dir. Es ist so schrecklich ohne dich. Ohne deine spürbare Liebe ist die Welt so kalt. Sonst war alles hell, warm und golden. Alles hatte seine wunderschönen Farben. Die Welt strahlte neben den schönen intensiven Farben auch Wärme aus. Und nun? So ohne deine mich durchströmende Liebe ist die Welt grau. Die Farben sind verblasst und die Wärme ist gewichen. Oh Gott, wie ist das Leben so anders ohne dich. Es ist, als ob die Welt um mich herum einfriert. Alles wird immer eisiger. Die Welt bewegt sich in Zeitlupe, obwohl die Zeit davon rast. Das Leben ohne dich ist kein lebenswertes Leben.

Lieber Gott, bitte, durchflute mich wieder mit deiner unendlichen Liebe. Bitte, lass mich Jesus wieder begegnen und durchströme mich mit deinem Heiligen Geist. Ich wünsche mir nichts mehr als deine Liebe. Das Feuer der Liebe glimmt nur noch ganz schwach in mir und ich habe Angst davor, dass der letzte Funke verlöschen könnte. Bitte, lass die Flamme in mir wieder auflodern. Lass mich das Feuer der Leidenschaft und Liebe wieder spüren. Gib mir einen Großbrand der Gefühle in meinem Herzen. Auch wenn es Gefühle des Leides sein sollten, so nehme ich auch diese dankbar an, Hauptsache, ich kann ganz nahe bei dir sein und dich fühlen.

Lieber Gott, bitte, zeige mir, wie ich deine Botschaft umsetzen kann. Wie kann ich durch meine mystischen Erlebnisse anderen Menschen helfen? Bitte, zeige mir meinen Weg. Ich möchte würdig sein, Jesus nachzufolgen. Ich möchte wie er dein Wort den Menschen nahe bringen. Ich möchte sie berühren mit deiner Liebe und sie auf den richtigen Weg führen, den Weg zu dir, mein geliebter Gott. Bitte, nimm mich an als deine Dienerin. Zeige mir, was ich tun kann und soll. Zeige mir bitte, wenn ich etwas falsch mache, wenn ich nicht so handle, wie du es möchtest. Bitte, führe mich. Ich bitte dich darum mit allem, was ich habe. Danke, geliebter Gott.

Du bist mir nahe

12.12.2003

Oh Geliebter, ich spüre, du bist mir nahe.
Ich spüre die Liebe zart durch mich hindurchfließen.
Ja, durchflute mich,
zieh mich näher ran zu dir.
Nur dir möchte ich gehören,
ganz dein Eigen sein.

Oh Jesus, ich fühle mich so leicht, so gut.
Die Gefühle, die mich durchfluten, sind so warm und so tief.
Es macht mich aber auch kraftlos,
so dass ich mich nur noch diesen Gefühlen widmen möchte,
um nur noch dich zu spüren,
um mich nur noch dir hinzugeben.

Bitte, lass diese Gefühle stärker werden,
so stark, dass sie auch den normalen Alltag überstehen können.

Oh Jesus, wie sehr liebe ich dich.
Du bist es, der mein Leben so unendlich bereichert,
der mein Leben so richtig lebenswert macht.

Wann, Geliebter, darf ich dich wieder schauen,
dir ganz nahe sein,
mit dir verschmelzen,
eins sein mit dir?

Jesus, du machst mich so glücklich.
Deine Liebe ist wie ein starker Sonnenstrahl,
er durchdringt alles,
geht bis in die Tiefe und vertreibt jedes Dunkel,
bringt Licht und Wärme und unendliche Liebe.

Deine Liebe ist das Größte, was es gibt.

Danke, Jesus, dass du mich wieder spüren lässt, dass du da bist.
Bitte, bleib für immer bei mir.
Ström` aus deine Liebe in die Tiefen meiner Seele,
lass dieses Gefühl Bestand haben für immer,
damit ich anderen Menschen von deiner Liebe abgeben kann.

Herr, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Amen.

 …

Deine Größe möchte ich zeigen

15.11.2004

Deine Größe möchte ich zeigen,
ohne selbst groß zu sein.

Deine Worte möchte ich weitergeben,
ohne selbst dabei im Mittelpunkt zu stehen.

Deine unendliche Liebe möchte ich weitergeben,
ohne selbst dafür geliebt zu werden.

Deine Herrlichkeit möchte ich preisen,
nur um deinetwillen,
denn nur dir allein gilt alle Ehre und Achtung.

Gott, bitte öffne mir zur rechten Zeit den Mund,
damit ich über dich reden kann.

Gib mir immer Demut,
damit ich erkenne, wie klein ich bin.

Danke, Gott,
dass ich dein Werkzeug sein darf. Amen.